Kann man nur vom zusehen Zunehmen ? Eine schockierende Reportage

In einigen Teilen der Bevölkerung hält sich die Überzeugung, dass bereits der Anblick von ungesunden Lebensmitteln eine Gewichtszunahme nach sich zieht.

Psychologische Studien bestätigen mittlerweile diese Überzeugung: Durch einfaches Zusehen lässt sich Zunehmen.

Wie wirken Bilder von Lebensmitteln auf unseren Appetit?

Im modernen Zeitalter sind Lebensmittel nicht allein im Supermarkt und in der Küche präsent. Die Lebensmittelproduzenten arbeiten an immer ausgefeilteren Methoden, um den Appetit der potenziellen Kunden anzuregen.

Über diverse Werbekanäle wie z.B. Print-, Fernseh- oder Internetanzeigen werden die Produkte öffentlichkeitswirksam dargestellt.

Einerseits ist das Essen somit dauerhaft verfügbar, da sich in jedem kleinen Dorf mindestens ein Gastronom bzw. Fast-Food-Anbieter und ein Supermarkt befinden. Andererseits macht die appetitsanregende Werbung dauerhaft auf diesen Zustand aufmerksam.

Dabei stellt sich die Frage, ob die Werbemaßnahmen überhaupt Wirkung auf die potenziellen Kunden zeigen. Ist es nicht möglich sich diesen unterbewussten Anreizen zu entziehen?

Der Psychologe Jens Blechert von der Universität in Salzburg hat sich intensiv mit dieser Fragestellung befasst. Er ist der Ansicht, dass eine gute Werbemaßnahme den Appetit ebenso anregt wie beim berühmten Konditionierungsexperiment vom pawlowschen Hund.

In dem Experiment vom russischen Forscher Iwan Pawlow wurde einem Hund beigebracht, dass dieser Essen bekommt, sobald eine Glocke läutet. Die Verinnerlichung, dass beide Vorgänge in Verbindungen stehen, gelang dem Hund immens schnell.

In der Folge genügte der Glockenton aus, um dem Hund den Speichel im Mund zusammenfließen zu lassen. Der neutrale Reiz des Glockentons wurde in enormer Geschwindigkeit vom Hund als positiv wahrgenommen.

Konditionierung ebenso beim Menschen möglich

Der Lernprozess, welche durch die Verhaltenskonditionierung beim Hund ausgelöst wurde, stellt sich ebenso beim Menschen ein. Zwar ist das Konzept den Psychologen bewusst, dennoch wurde in den vergangenen Jahren kaum in dieser Richtung geforscht.

Jens Blechert ist allerdings überzeugt, dass sich ein anziehendes Interesse in diesem Bereich bilden wird, da weltweit das Thema Übergewicht ein anwachsendes Problem darstellt. Ein besseres Verständnis der Verhaltenskonditionierung könnte als Lösung dienen.

Der Hunger ist bei der Essensmenge mittlerweile zweitrangig.

Vielmehr wird der Mensch durch äußere Einflüsse bei der Essensentscheidung gesteuert. Ansehnliche Bilder von Lebensmitteln schaffen ähnliche positive Assoziationen wie die Glockentöne bei dem pawlowschen Hund. Laut Jens Blechta ziehen die Bilder ihre Kraft aus vorherigen Erfahrungen mit den entsprechenden Lebensmitteln.

Beim Verzehr einer leckeren Speise wird beispielsweise der Speichelfluss angeregt, das Stoffwechselhormon Insulin ausgeschüttet und der Blutzuckerspiegel gesteigert. Nachfolgend tritt ein angenehmes Gefühl der Sättigung ein. Das Gehirn speichert diese Vorgänge und setzt sie bei der Sichtung eines Bildes von der Speise erneut frei.

Der Anblick eines Bildes wirkt auf das Belohnungssystem im Gehirn. Sobald der Mensch etwas positives erlebt hat, versucht das Gehirn diesen Glückszustand erneut zu erreichen. Eine Bild kann damit den Reiz schaffen, dass der Mensch mehr isst als er eigentlich benötigt.

Überbleibsel aus früheren Tagen der Menschheitsgeschichte

Laut Jens Blechert handelt es sich bei dem Phänomen um ein Überbleibsel aus der frühen Zeit der Menschheitsgeschichte. Die frühen Menschen waren oftmals tagelang auf der Essenssuche, bevor sie ihren Hunger stillen konnten.

Solche Strapazen konnten lediglich durch eine hohe Motivation gemeistert werden. Um die Motivation sicherzustellen, hat sich vermutlich das Belohnungssystem eingestellt. Soweit die Sichtung einer möglichen Mahlzeit erfolgt war, wurde diese mithilfe der Reize umgehend verzehrt.

Zumal durch die körperlichen Reaktionen wie z.B. dem Speichelfluss oder der Insulinausschüttung zusätzlich das Verdauungssystem im Vorfeld angekurbelt wurde, was die Verdauung anschließend erleichterte.

Geschichtlich hat die Evolution den Menschen damit optimal angepasst. Jedoch sind die jahrtausendalten Anpassungen bis heute aktiv: Allein der Geruch und das Ansehen eines Lebensmittels weckt beim modernen Menschen vorbereitende Reaktionen zur Nahrungsaufnahme.

Im Nachgang fällt der Verzicht umso schwerer. Die Werbemethoden zielen demnach punktuell auf diese evolutionäre Anpassung ab.

Insbesondere bei süßen und salzigen Lebensmitteln gelingt die Werbemethode hervorragend, was seinen Grund ebenfalls in der frühen Menschheitsgeschichte hat. Während Zucker essenziell für den Energiehaushalt ist, ist es Salz für den Elektrolythaushalt.

Der menschliche Körper hat diese Tatsache verinnerlicht und schaltet das Belohnungssystem ein, soweit zucker- oder salzhaltige Lebensmittel verspeist werden.

Diäten: Verzicht steigert das zusätzliche Verlangen

Einerseits ist übermäßiges Essen dementsprechend evolutionär bedingt. Andererseits wirken die appetitanregenden Bilder wie hocheffizienter Treibstoff. Zudem stellt der Mensch den kurzfristigen Genuss über die langfristigen Folgen, welche in der Regel bekannt sind. Für eine dauerhafte Umstellung der Ernährung ist eine enorme Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle notwendig – dennoch funktioniert es nicht immer.

Psychologe Jens Blechert ist der Meinung, dass Diäten oftmals nur zeitweise funktionieren, da die Eigenbeherrschung die Kräfte der Evolution nicht bändigen kann.

Zudem haben viele Betroffene das Gefühl, dass der Verzicht einer Diät ein zusätzliches Verlangen hervorruft. Der Psychologe der Salzburger Universität hat dazu gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern der Universitäten Ulm und Freiburg eine Studie durchgeführt, welche sich auf eine absolute Lieblingssüßigkeit bezieht: Schokolade.

Insgesamt baten die Wissenschaftler 29 weibliche Schokoladenliebhaber eine Woche keine Süßigkeiten zu verspeisen.

Im Vor- und Nachhinein wurden den Probandinnen Bilder von Schokolade und weiteren kalorienreichen Nahrungsmitteln wie Chips, Waffeln oder Popcorn gezeigt. Die Teilnehmerinnen sollten Angaben über ihre Frustration, die subjektive Bewertung des Geschmacks und ihr persönliches Verlangen machen.

Weitergehend durften sich die Probandinnen an den Nahrungsmitteln bedienen, sobald der Versuchsleiter sich aus dem Raum distanzierte.

Im Nachhinein bewerteten die Studienteilnehmerinnen die Schokolade als wesentlich appetitlicher als im Vorhinein. Zudem zeigten sie sich beim Anblick als deutlich frustrierter. Zuletzt aßen die Probandinnen bedeutend mehr Schokolade als andere Nahrungsmittel. Und auch mehr Schokolade als vor dem einwöchigen Verzicht. Es besteht demnach Obacht beim kompletten Verzicht innerhalb einer Diät. Es besteht das Risiko, dass es zu Nachholeffekten kommt.

Veränderung der Essgewohnheiten aus emotionalen Gründen

Auf der einen Seite gibt es Menschen, welche bei Stress oder negativen Gefühlen dazu neigen weniger zu essen als im Normalfall. Vermutlich hängt die verminderte Nahrungsaufnahme mit dem Nervensystem zusammen, welches die Magenbewegungen bei starken Emotionen reduziert und die Glukoseausschüttung im Blut anregt.

Dabei handelt es sich um eine evolutionäre Reaktion, die den Körper auf den Kampf oder die Flucht vorbereitet.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, welche sich umgekehrt verhalten und bei Stress Nahrung wie ein Problemlöser behandeln. Sie nutzen dementsprechend die Nahrungsaufnahme als Strategie zur Regulierung der eigenen Stimmung, was zum Teil tatsächlich funktioniert. Um die Frage aufzuklären, ob diese Menschen auf visuelle Reize stärker reagieren, haben die Wissenschaftler eine Studie mit 45 Psychologiestudentinnen mit und ohne Hang zum emotionalen Essen durchgeführt.

In der Studie fragten die Wissenschaftler die Teilnehmerinnen bezüglich negativ behafteten Ereignissen in der nahen Vergangenheit, was die Probandinnen in eine negative Stimmung versetzte. Zwischen den Fragen wurden Bilder von Nahrungsmitteln gezeigt, wozu die Probandinnen Angaben zum Verlangen nach den Nahrungsmitteln machen mussten. Zusätzlich wurden die Gehirnströme der Teilnehmerinnen gemessen.

Mithilfe der Messung der Gehirnströme konnte ein EEG (Elektroenzephalogramm) erstellt werden, welches die Verarbeitung der visuellen Reize im Gehirn anzeigt. Daraus lässt sich u.a. die Intensität der Gehirnreaktion auf einen Nahrungsreiz ablesen.

Tatsächlich konnte die These der Forscher bestätigt werden: Die negativen Emotionen entfalteten bei den Probandinnen unterschiedliche Wirkungen. Während die Frustesser ein erhöhtes Verlangen nach Nahrungsmitteln aufwiesen, hat sich bei den anderen Teilnehmerinnen eine hohe Sättigung eingestellt.

Bei der Verarbeitung von Bildern im Gehirn spielt demzufolge sowohl die Gefühlslage als auch der Essensstil eine Rolle.

Hervorhebung der langfristigen Perspektive schafft gesunde Anreize

Der Psychologe Jens Blechert betont allerdings, dass bewusste Überlegungen dennoch nicht vernachlässigt werden sollten.

Dafür führte er zusammen mit Adrian Meule von der Würzburger Universität eine Studie durch, welche die Beeinflussung der Essensgelüste mithilfe von kognitiven Strategien untersucht. Dabei sollten gezielt die langfristigen Folgen aufgezeigt werden.

Dafür zeigten sie insgesamt 25 Frauen Bilder von verschiedensten Nahrungsmitteln.

Die Probandinnen sollten sich über die kurz- und langfristigen Auswirkungen Gedanken machen. Zusätzlich wurden erneut die Gehirnströme gemessen und das Verlangen nach den jeweiligen Nahrungsmitteln abgefragt.

Die Auswertung ergab, dass die Teilnehmerinnen den Anblick von gesunden und ungesunden Nahrungsmitteln unterschiedlich verarbeitet hatten. Generell erhöhte sich das Verlangen nach Essen bei den Teilnehmerinnen im Laufe der Studie.

Während die Bilder von kalorienreichen Nahrungsmitteln das kurzfristige Verlangen erhöhten, verringerten sie das langfristige Verlangen. Bei den kalorienarmen Nahrungsmitteln trat genau der gegenteilige Effekt auf. Schlussfolgernd ist ein Blick aus der Langzeitperspektive bei Bildern von Nahrungsmitteln empfehlenswert, da dieser den Fokus auf gesunde Nahrung legt.

Quelle: https://www.spektrum.de/news/machen-schon-bilder-vom-essen-dick/1330587

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